Scharlatanerie oder Antwort auf den demographischen Wandel?

„Medical Wellness“ ist mehr als Nordic Walking-Kurse auf Kreuzfahrtschiffen

Von Ansgar Lange +++ Lindau/Sindelfingen. Der demographische Wandel in Deutschland ist keine neue Herausforderung. Seit 1972 ist die Sterberate hierzulande höher als die Geburtenrate. „Eine Konsequenz aus dem demographischen Wandel und der damit einhergehenden sinkenden Tragfähigkeit der Sozialversicherungssysteme ist die Notwendigkeit, gesund alt zu werden. Dies ist erforderlich, um leistungsfähig zu bleiben, damit man sich die längere Lebenszeit bei sinkendem Rentenniveau und steigenden Gesundheitsbeiträgen leisten kann“, sagt der Gesundheitsexperte Dr. Michael Sander, Geschäftsführender Partner von Terra Consulting Partners (TCP) http://www.terraconsult.de in Lindau am Bodensee.

Der neudeutsche Begriff Medical Wellness will eine Antwort auf die Frage geben, wie die Menschen rechtzeitig und nachhaltig etwas für die eigene Gesundheit tun können. „Medical Wellness hat sich als Begriff flächendeckend noch nicht durchgesetzt. Es ist vielen nicht hinreichend klar, was man darunter versteht. Sicher ist nur, dass Medical Wellness mehr als nur Massagen oder Fangopackungen verspricht. Es geht darum, dass der Einzelne nachhaltig zu einem gesünderen Lebensstil angehalten wird. Eine begleitende ärztliche Betreuung ist unabdingbar, sonst handelt es sich um Scharlatanerie. Fitness-Studios sind in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen und auch das Angebot an Zusatzleistungen, welche die Grenze zur Medizin verschwimmen lassen, nimmt zu. Die Trias Vorbeugung, Anspruch und Eitelkeit bilden hier die Melange. Der Markt ist noch frisch, so dass hier sicher noch einige sinnvolle und kuriose Dinge auf uns zu kommen werden. Die neuen Alten sind junge Alte und eine vergleichsweise solvente Zielgruppe“, lautet die Einschätzung von Michael Zondler, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens centomo in Ludwigsburg und Sindelfingen http://www.centomo.de.

Kunden brauchen eine klare Orientierung im Wildwuchs der Wellness-Industrie

Wie wirksam sind aber die Instrumente, welche die Medical Wellness-Branche anbietet? Diese Komponente ist mit dem Begriff „medical“ adressiert, weiß der Gesundheitsexperte Dr. Sander. Dies führe wiederum sofort zur so genannten Evidenzbasierung. Gibt es tatsächlich wissenschaftlich fundierte Aussagen über die Wirksamkeit von Qi Gong-Kursen oder Nordic Walking-Veranstaltungen auf Kreuzfahrtschiffen?

Dr. Sander hält die Wortwahl jedenfalls für problematisch oder missverständlich. „Mir scheint, dass sich die Wellness-Industrie das Beiwort medical nur deswegen zugelegt hat, da eine Differenzierung der Sauna-Landschaften, Hotelsuiten und Fitness-Parks nicht mehr möglich ist. Ein Anbieter oder eine Wellness-Leistung ist so austauschbar geworden, dass dem Kunden keine Orientierung mehr möglich ist.“

Damit begebe sich die Branche aber auf einen schwierigen Pfad, denn die Evidenzbasierung könne man nicht „mal so eben“ mit dem Katalogwechsel in sein Angebot einführen. „Hier gibt es einen sehr langen Vorlauf, der in der Natur der Sache von medizinischen Studien liegt. Damit hat sich die Wellness-Industrie fast ein Eigentor geschossen, weil sie nicht in der erforderlichen Kürze der Zeit glaubwürdige Studien hervorzaubern kann. Das ist fast schon die Vorstufe zu Verbraucherenttäuschung“, so TCP-Geschäftsführer Sander, dessen Unternehmen sich auf die Management-Beratung für das Gesundheitswesen spezialisiert hat.

Vorstufe zur Verbraucherenttäuschung?

Dabei hat Medical Wellness nach Ansicht des Experten eine legitime Berechtigung, wenn man beide Komponenten dieses Begriffes in Richtung Urlaubsmedizin ausrichte: „Man muss sich nur die Historie und Funktion des Urlaubs in Erinnerung rufen. Mit Beginn der Bismarckschen Sozialgesetzgebung breitete sich auch der Urlaub für die Arbeitnehmer aus. Dabei ging es allerdings nur zu einem geringen Teil um die Verteilung von Wohltaten, sondern einzig um den Erhalt der Arbeitskraft des Arbeitnehmers. Der Urlaub war ein Instrument und quasi auch Verpflichtung des Arbeitnehmers, sich zu erholen und seine Leistungsfähigkeit wieder herzustellen.“

Dieser Aspekt des Herstellens von Leistungsfähigkeit sei mit Beginn des Wirtschaftswunders in Deutschland völlig verschwunden. Urlaub bekam den Charakter von Unterhaltung, Bildung und Wohlstand. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen legen es nahe, dass der Urlaub von Arbeitenden und Ruheständlern wieder zu einem beträchtlichen Teil dafür eingesetzt wird, dass diese Zeiten im Jahr zur aktiven gesundheitlichen Regeneration genutzt werden. „Wenn das zukünftig also erforderlich sein wird, dann geht es sehr schnell um die Effektivität dieses Urlaubs und damit um die Evidenzbasierung. Im Grunde ist dieser Gedanke eine Steilvorlage für nachhaltiges Medical Wellness“, so Sander.

Einen Fachkräftemangel sieht er in der Branche nicht. Vielmehr mangele es an der fachlichen Zusammenarbeit von Medizinern, Tour Operators und Leistungserbringern im Wellness-Bereich. Ein weiterer zentraler Mangel bei Medical Wellness sei die Qualitätsmessung und -sicherung. An welchen Kriterien will man Medical Wellness festmachen? An der Bettenbreite im Hotel, der Temperatur in der Sauna oder den akademischen Graden von Physiotherapeuten? Hier herrscht ein Wildwuchs an Kriterienkatalogen und Gütesiegeln. Dies ist eine logische Konsequenz aus der Unterschätzung der Evidenzbasierung und den dadurch nötigen Forschungsvorleistungen.

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